Chianti Classico – ein Chamäleon bekennt Farbe.

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La dolce vita

Die Region, die wohl am authentischsten das italienische Lebensgefühl einfängt, ist das Chianti Classico. Das mag an der traumhaften Landschaft mit ihren sanften Hügeln, ihrem warmen Licht und den antiken Castelli liegen, aber vor allem an den Weinen. Nirgendwo sonst wird aus der Paradesorte Italiens, der roten Rebsorte Sangiovese, diese mühelose Noblesse herausgekitzelt. In den neun Gemeinden, die zur Region gezählt werden, reagiert Sangiovese sensibel auf Terroir-Unterschiede und Weinbereitungsmethoden – sodass die Sorte in der Weinwelt zu Recht als wandelbares Chamäleon gilt.

Das Geheimnis des Geschmacks

Das Chianti Classico befindet sich zwischen Florenz und Siena. Das Klima ist gemildert kontinental, und dass die Trauben in Weingärten auf einem der vielen Hügel, auf 200 bis 700 Metern Höhe, kultiviert werden, hat großen Einfluss auf den späteren Geschmack. Je höher die Weinberge liegen, umso kühler sind die Temperaturen, und im Zusammenspiel mit der Ausrichtung zur Sonne entscheidet sich, wie weit das profunde Tanningerüst des Sangiovese weichgeschmolzen wird. Überhaupt ist das Chianti Classico insgesamt etwas kühler als die weiter im Süden gelegenen und ebenfalls für exzellenten Sangiovese berühmten Gebiete Brunello di Montalcino und Vino Nobile di Montepulciano. Weshalb der Chianti Classico im Vergleich dazu immer mit mehr Tanninbiss und mit mehr saftiger Säure ausfällt. Ein echter Chianti Classico muss einen im Finish noch mal heimtückisch beißen, bevor er mit seiner saftigen Kirschfruchtigkeit und ätherischen Kräuterduftigkeit elegant von der Bühne tritt.

Fortschritt durch Selektion

Früher mag diese Griffigkeit wohl zu extrem ausgefallen sein. Was vor allem an den ertragreichen Klonen lag, die in den 1960er- und 1970er-Jahren gepflanzt wurden. Mit dem Forschungsprojekt „Chianti Classico 2000“ hat man diese Probleme hinter sich gelassen. Penibel wurden in einem groß angelegten Versuch deutlich verbessertes Pflanzmaterial selektiert und Anbaumethoden getestet. Ein großer Fortschritt für die gesamte Region. Nichtsdestotrotz wurde schon immer versucht, das Tanningerüst des Sangiovese mit dem Verschnitt von anderen Rebsorten zu zähmen. Dafür können heimische Rebsorten verwendet werden. Da wäre z. B. Colorino, der den Weinen mehr Farbe mitgibt, oder der körperreiche Ciliegiolo, der die kirschfruchtigen Aromen des Sangiovese noch verstärkt. Weltläufigen Glanz bekommt der Sangiovese durch die Zugabe von internationalen Rebsorten. So mildert Merlot etwas die Strenge, während schon kleine Mengen Cabernet Sauvignon ausreichen, um den Verschnitt geschmacklich zu dominieren.

Philosophische Fragen

Ob ein Winzer den Sangiovese verschneidet oder ihn pur ausbaut, hängt ebenso mit der Betriebsphilosophie zusammen wie die Frage nach dem Ausbau. Seit dem Jahr 2013 hat das Chianti-Classico-Konsortium dafür neue Produktionsvorschriften erlassen. Eingeführt wurde eine dreistufige Qualitätspyramide, die neben geschmacklichen Standards auch die Reifezeit der Weine vorschreibt. Der nur zwölf Monate ausgebaute Annata etwa lebt von saftiger Frucht und Frische, während der länger gereifte Riserva und vor allem die Spitzenklasse Gran Selezione durch längeren Ausbau ein verwobenes Tanningerüst und ein komplexes Bouquet bekommen. Für den Geschmack sind allerdings nicht nur Ausbau und Verschnitt wichtig, ebenso spielt eine Rolle, in welcher der neun Gemeinden sich die Weinberge befinden. Denn jede der nach Dörfern benannten Sub-Regionen verfügt über ein einzigartiges Zusammenspiel von Boden und Mikroklima. Die Winzer verstehen es zudem, den Sangiovese so zu behandeln, dass er diese markanten Unterschiede auch geschmacklich darstellen kann.

Jedem Dorf seinen Chianti Classico

So befindet sich zum Beispiel das Weingut Vicchiomaggio auf den kühlen Lehmböden rund um das Dorf Greve. Im Verschnitt mit Sangiovese verwendet der Winzer John Matta heimische Rebsorten und baut traditionell im großen Holzfass aus. So entstehen tiefgründige, tabakwürzige und griffige Rotweine mit frischer Säure. Elegant fallen die Weine auf den Kalkböden im Val di Pesa aus. Badia a Passignanos eleganter, reinsortiger Sangiovese wird in ungarischer Eiche ausgebaut und verfügt über die perfekte Balance zwischen Reife und Säure. In höherer Lage und auf schiefrigen Tonböden befinden sich die Weinberge rund um das Dorf Radda. Hier liefert das Bio-Weingut Volpaia besonders feinwürzigen Chianti Classico. Ebenso fallen die Weine des Castello d’Albola mit burgundischer Finesse ganz typisch für Radda aus. Besonders saftig gelingen die Weine auf den mit Ton durchmischten Kalksteinböden rund um das Dorf Castellina. Das Weingut Marchesi Mazzei unterstreicht diese vollmundige Art, indem der Sangiovese mit Merlot verschnitten und in neuen Barriquefässern ausgebaut wird. So verfolgt jedes Weingut eine ganz eigene Strategie, um Boden, Klima und Weinbereitung mit dem Chamäleon Sangiovese in Einklang zu bringen.

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