Wachau: Wein in Bestform

Quelle

2015 war in China das Jahr der Ziege, hierzulande jenes der Badehosen & Bikinis: Die Sonne strahlte vom Himmel, als sei sie dort festgenagelt. Die Rekordtemperaturen sorgten auch in der Weinwelt für helle Aufregung. Vom besten Jahrgang seit zehn Jahren ist die Rede. Wir haben uns in die zum Niederknien schöne Wachau aufgemacht und im Nikolaihof, in der Domäne Wachau und im Kartäuserhof auf den Busch geklopft.
*Angi Huber

Nikolaihof

Nikolaus Saahs ist 36. Der Bart hilft dabei, ihm das auch zu glauben. Vor zehn Jahren hat der Winzer den Nikolaihof übernommen, einen traditionsreichen Familienbetrieb. Damals zur Hälfte, vor kurzem dann ganz. „Jetzt bin ich der Chef“, schmunzelt einer, der froh ist, mit dem Vater in punkto Wein auf einer Linie zu sein. Der Nikolaihof setzt bereits seit vielen Jahrzehnten auf Bio. „Der Papa hat ursprünglich aus der Not heraus biologisch gewirtschaftet. Für Spritzmittel war kein Geld da. Irgendwann wollte er nicht mehr anders, hat den nächsten Schritt gesetzt und auf Demeter gebaut. Das war 1971.“ Riesling, Veltliner, Neuburger, Chardonnay, Muskateller und Gewürztraminer bedanken sich herzlich dafür – auch für das verlängerte Schläfchen, das sie im Nikolaihof halten dürfen. Der Wein brauche schließlich Zeit, um sich zu entwickeln. Das sei beim Käse nicht anders: „Der ist auch erst gut, wenn er abgelaufen ist.“ So kommt’s, dass im Nikolaihof Weine in Flaschen gefüllt werden, die zuvor 17 Jahre im Fass gelegen sind. Ob ein trockener Riesling denn so etwas gut verträgt? Glaubt man Robert Parker, dann ja. Sensationelle 100 Punkte gab es für den Riesling Vinothek 1995. Der kam 2012 auf den Markt und war auch gleich vergriffen. Schon schön sei das gewesen und eine Bestätigung für den Herrn Papa. „Er hat einfach nie das produziert, was gefragt war. Schwere Weine zum Beispiel. Dafür wurde er immer kritisiert.“ Die 100 Parker-Punkte waren auch nicht die letzte Auszeichnung mit Gewicht. Beim International Wine Report, bei dem die 100 besten Weine der Welt gelistet werden, landete der Steiner Hund 2010 auf Platz 4. Gleichzeitig war er bei den Weißweinen der am besten bewertete. Chapeau! „2015 war ein herausragendes Jahr, außergewöhnlich heiß und trocken. Ich bin gespannt, wie meine Kollegen damit umgegangen sind“, gibt sich Niki Saahs der Neugier hin. In seinen eigenen Weingärten herrschte zwei Wochen lang Stillstand. „Der Stock hat sich wohl gesagt: Mir ist das zu heiß hier, ich wachse jetzt mal nicht.“ Das hat sich auf den Erntezeitpunkt ausgewirkt, der sich diesmal nach hinten verschoben hat. „Normalerweise ernten wir durch die Demeter-Landwirtschaft früher als andere Winzer. Eine frühere Reife bedeutet weniger Zucker im Wein und damit weniger Alkohol. Unsere Weine – selbst die Smaragde – sind leicht, aber trotzdem ausdrucksstark.“

Domäne Wachau

„Meinen ersten guten Wein habe ich mit Mitte 20 getrunken. Das war ein Riesling aus der Wachau. Geschmeckt hat mir der damals nicht. Aber nur, weil es ein gereifter war, und die sind mit ihren Tankstellenaromen doch speziell. Die Erfahrung war in jedem Fall so interessant, dass ich mir mein erstes Weinbuch gekauft habe.“ Ein paar Hundert Weinbücher später steht Roman Horvath vor dem barocken Kellerschlössel der Domäne Wachau in Dürnstein. Seit zehn Jahren ist er hier Weingutsleiter. An seiner Seite: Heinz Frischengruber. Der stammt aus einer Wachauer Winzerfamilie und stellt in der Domäne den Kellermeister. Zu tun gibt’s dort genug: Die Domäne Wachau ist eine Vereinigung von 250 Winzerfamilien, Weinbaubetrieben und Weingartenbesitzern. Jeder bewirtschaftet seinen mehr oder minder großen Flecken selbst, hält sich aber an die strengen Parameter. Strictly forbidden sind beispielsweise Insektizide. „In der Wachau zählen wir mittlerweile zu den Progressiven. Wir probieren vieles aus, setzen auf Stile abseits der klassischen Wachauer Weine“, erzählt Heinz. Auch, dass 2014 ein Jahr war, in dem es ans Eingemachte ging. „Gleichzeitig hat es uns geerdet. Manche sind ja schon in den Himmel aufgefahren.“ 2015 folgt dann die Wohltat: Eine schöne Blüte, keine Katastrophen, nur ein bisschen Hagel eine Woche vor der Sonnenwende. „Der hat aber nichts angerichtet.“ Ende August spendiert Petrus auch noch etwas Regen. „Zum Glück, sonst wäre es doch noch dramatisch geworden. Bei der Lese hatten wir dann ein sehr gesundes Traubenmaterial, konnten runterzwicken, was wir wollten.“ Runtergezwickt wird in der Domäne Wachau mit der Hand. Die Betriebe haben im Schnitt eine Größe von ein bis zwei Hektar, manche bewirtschaften nur ein paar Terrassen. Das kommt der Qualität des Weins freilich zugute. Zugute kommt dem Wein auch die Wachau. „Was die Natur der Wachau zu bieten hat, ist großartig, sowas gibt’s nur in wenigen Regionen auf der Erde. Dass wir hier einige der besten Weingüter weltweit haben, ist kein Zufall.“

Kartäuserhof

Was an der Wachau außergewöhnlich ist, wollen wir von Karl Stierschneider wissen. Er schwingt das Zepter über dem Kartäuserhof, und der steht in Weißenkirchen. „Unsere Kleinheit. Die spezielle Art, Wein zu machen. Und die Menschen!“ Der Wachauer ist eigentlich ja ein Waldviertler, und der sei, so Karl, an sich verschlossen. Das würde allerdings nicht für den Wachauer gelten! Der habe früh gelernt, sich und sein Haus Fremden zu öffnen. 124 verschiedene Rieden mit Böden, die sich zum Teil alle paar Meter ändern, ergeben in und für die Wachau ein komplexes Bild. „Die Lage Achleiten bringt beispielsweise rauchige, mineralische Noten in den Wein, der Steinriegel schiefrige, fast deutsche“, erzählt Karl, der 2015 gleichermaßen von der Sonne geküsst wurde. „2015 war genial. Wir hatten eine tolle Reife und ein herrliches Wetter beim Lesen. Vom Hagel sind wir zum Glück verschont geblieben.“ Die Weine des Kartäuserhofs sind komplex und kräftig ausgefallen – wobei selbst die Federspiele bei zwischen 12,5 und 13 Volumenprozent liegen. Das sei „heavy duty“, da müsse man beim Weinkosten wieder was vertragen können. Karl Stierschneider freut sich nicht nur über 2015, er kann sich auch für das schwierige Jahr 2014 erwärmen. Trauben hätte er kaum verloren, und auch die Qualität der Weine sei über Strecken herausragend. So kommt’s, dass sein 14er mittlerweile ausverkauft ist. Dass er sich am Geschmack der Konsumenten orientiert, verhehlt Karl Stierschneider nicht. „Ich bin nicht der Typ, der sagt: Ich habe hier einen Wein, der mir schmeckt. Es saufe ihn der, der ihn mag, der andere lasse ihn stehen. Man muss sich schon nach den Kunden richten.“ Was, abgesehen vom Wein, die schönen Dinge in Karl Stierschneiders Leben sind? „Meine Ricky natürlich. Und Schuhe! Ich habe über 120 Paare …“

Quelle